Das Wegerl im Helenental – Beitrag von Dr. Rudolf Maurer

Wegerl im Helenental - 2500 Baden/NiederösterreichIm Zusammenhang mit dem neuen Projekt des Vereins „Vestenrohr-Karlstisch“ wurde ich eingeladen, ein paar Worte über das Wegerl im Helenental an Sie zu richten. Ich entführe Sie daher diesmal nicht Jahrhunderte in die Vergangenheit, sondern „nur“ ins Jahr 1940.

Damals schrieb ein gewisser Alexander Steinbrecher ein Singspiel „Brillanten von Wien“, das heute völlig vergessen ist. Nicht vergessen ist der Schlager des Stücks, der inzwischen zu Badens inoffizieller Hymne geworden ist: „Ich kenn ein kleines Wegerl im Helenental“.

© Musik & Text by » Alexander Steinbrecher «  –  Peter Igelhoff und Orchester, Electrola, EG 7129  » Text zum Mitsingen «

Dabei ist das Helenental, wenn man den Forschungen des seligen Professors Bensch glauben darf, nur rein zufällig hineingerutscht. Der Inhalt des Singspiels erforderte es, dass ein Teil der Handlung in England spielt – mit ein bisschen Pech (für uns Badener) hätte es also ein „Weg im Park von Kensington“ werden können. Zum Glück fiel dem Autor aber ein, dass gerade Krieg war und dass Großbritannien zu den Kriegsgegnern gehörte, was sich auf die Aufführungsgenehmigung schlecht auswirken hätte können, und flugs wurde der zweite Teil der Handlung nach Baden verlegt!

Und damit gehen wir zu den Wegerln im Helenental über. Vor 225 Jahren gab es noch keine, nicht einmal eine richtige Straße. Das unregulierte Schwechatbett schloss damals ein breites, schottriges Überschwemmungsgebiet ein, an dessen Rand Steine so geschlichtet waren, dass Fußgänger trockenen Fußes zum Urtelstein gelangen konnten. Fahrzeuge und Reiter konnten ruhig im Schwechatbett fahren. Dieser aus heutiger Sicht unmögliche Zustand scheint der Standard der Zeit gewesen zu sein, immerhin war die Neustiftgasse genauso angelegt: ein schmaler Fußgängerweg am Ufer des Mühlbachs, Ross und Wagen dagegen fuhren im Bachbett!

© Fotos: Rollettmuseum Baden, Städtische Sammlungen

Seit 1793 drängte Kaiser Franz, der hier in Baden seine Sommerresidenz einrichten wollte, darauf, im Helenental endlich eine ordentliche Straße zu bauen, doch die Stadt Baden entschuldigte sich damit, dass es gar nicht ihr Gemeindegebiet sei (wurde es erst 1912!) und dass sie ja (ebenfalls auf kaiserlichen Wunsch!) keine Schulden machen dürfe. Erst 15 Jahre später – so lange konnte man damals einen Kaiser „pflanzen“! – raffte sich Baron Schönfeld, Besitzer der heutigen Villa Bavaria, dazu auf, auf eigene Kosten einige Felsen im Schwechatbett zu sprengen, einen tragfähigen Straßenkörper aufzubauen und eine schöne Straße darüber zu legen, die heutige Helenenstraße. Ähnlich wie heute: Erst wenn Private investiert haben, stellt sich auch die öffentliche Hand mit Subventionen ein. Nun spendete Erzherzog Anton, der „Badener“ Erzherzog, eine schöne Pappelallee für die neue Straße und finanzierte dann auch noch in der Nähe des Urtelsteins eine Brücke, auf der man zur Hauswiese hinüberspazieren konnte. Heute sieht man nur mehr die Brückenköpfe, denn im Winter 1929 brach der kleine Steg unter der Last von Eis und Schnee zusammen; wenn man will, kann man die elegante Radfahrbrücke, die vor zehn Jahren errichtet wurde, als seinen Nachfolger betrachten.

Die neue Straßenanlage war ein Bombenerfolg. Von Anfang an herrschte hier ein lebensgefährliches Gewimmel von Spaziergängern, Sportreitern, Ausflugs- und Lastenverkehr und landwirtschaftlichen Transporten. Mühsam und unfallträchtig war auch die Überquerung des Urtelsteins, über den man damals noch drüber musste, wenn man in das hintere Schwechattal vordringen wollte. Seit den 1820er-Jahren arbeitete das Kreisamt (Vorgänger der BH) im Auftrag des Kaisers an einem Verkehrskonzept, das dann 1826/1827 umgesetzt wurde. Für die Straße wurde ein Durchbruch durch den Urtelstein gesprengt. Er war so großzügig dimensioniert, dass er, wenn sich alle an die Regeln halten, bis heute für den Verkehr ausreicht. Fast noch wichtiger war aber der zweite Teil des Konzepts: Um die Fußgänger vor Verkehr und Staub zu schützen, wurde am anderen Ufer der Schwechat eine wunderschöne Promenade angelegt, auf der man bis zu den Krainerhütten gelangen konnte!

Diese, wenn man so will, erste Fußgängerzone Badens war ein solcher Erfolg, dass sie bald durch einen Höhenweg am linken Schwechatufer ergänzt wurde. Es war die Zeit des Kaisers Franz Josef, der trotz der Kaisersehnsucht der Badener nicht und nicht nach Baden kommen wollte; darum hatte sich die Stadt den Erzherzog Rainer, der große Teile des Jahres hier verbrachte, als Ersatzkaiser ausersehen, und darum heißt der neue Weg bis heute Rainerweg.

Soweit in Kürze die Situation der Verkehrswege im Helenental. Doch kehren wir zurück ins Jahr 1940. Das „Wegerl im Helenental“ aus den „Brillanten von Wien“ hatte sich – ganz ohne Zutun der Stadt, ganz ohne kostspielige Entwicklungsprozesse – zum neuen Markenzeichen Badens entwickelt. Viele kamen nach Baden und wollten untersuchen, ob das „Wegerl im Helenental“ für alte Leute wirklich viel zu schmal und für jüngere wirklich so toll war. Doch – welches Wegerl war gemeint?

Ehrlich gesagt: Wahrscheinlich gar keines! Wir wissen nicht einmal, ob Alexander Steinbrecher je in Baden war. Aber wenn schon der Bedarf nach einem „Wegerl im Helenental“ besteht, muss man natürlich eines liefern. In der Stadt entstanden sogleich zwei Parteien: Die einen sprachen sich mit Vehemenz für die alte Uferpromenade des Kaisers Franz aus, die anderen behaupteten mit demselben Nachdruck, es könne nur der Rainerweg gemeint sein. Die Stadtgemeinde traf eine autoritäre Entscheidung, indem sie nach der Besatzungszeit am Schwechatufer die hübschen Tafeln aufstellte, die heute, ebenso wie die ganze Weganlage, schon etwas sanierungsbedürftig sind.

Schön, dass der Verein „Vestenrohr-Karlstisch“ diesem Wahrzeichen Badens wieder alten Glanz verleihen will. Aber glauben Sie nicht, dass das ohne Kontroversen abgehen wird! Vor wenigen Jahren, als ich noch als Stadtarchivar tätig war, wagte ich bei einer Führung zu erwähnen, dass hier am Schwechatufer das „Wegerl im Helenental“ sei – da stellte mich eine Dame, die offenbar noch immer zur Rainerweg-Partei gehörte, lauthals zur Rede: „Also der Herr Stadtarchivar waß net amoi, wo’s Wegerl im Helenental is!“, und dann klärte sie mich und uns alle über den wahren Sachverhalt auf. Ich meine, das ist eines der Dinge, die eine Kleinstadt so lebenswert machen …

Wir bedanken uns bei Herrn Dr. Rudolf Maurer für seinen tollen Beitrag.   » weitere Publikationen von Dr. Rudolf Maurer «