„DAS BSONDERE HOLZ“

In an Nadelwald weit draußt am Laund
stengan zwa Tannen nemanaund,
de ane groß und silbertupft
de aundre kla und gaunz zerrupft.

Wia a Raunen gehts durch den Wald,
daß wieder Weihnachtszeit ist bald,
da sagt de Silbertanne stolz:
»I bin a gaunz besonderes Holz
mit Nadeln silbern und voll Saft
und gwachsen kerzengrad voll Kraft;
bestimmt kumm i zu reiche Leit,
und wer mi kriagt, der hat sei Freid.«

Da sagt de klane Tanne drauf
(und schaut schüchtern zu der großen auf):
»Glaubst, werns mi a als Christbam holn?
Wenn ma mi braucht – i tät scho wolln.«
Drauf tuat de Große höhnisch lachen:
»Wem wüst denn du a Freid schon machen?
Als Christbam taugst du net für Kinder,
nur als Reisig für an Kranzelbinder.«

Da hat si d‘ Klane furchtbar kränkt,
gaunz traurig san die Astln ghängt;
wia oba d‘ Holzknecht kumma san
haum s‘ gschnitten a den klanan Bam
und eahm als Draufgab no mitgnumma,
so is er aa zum Standler kumma.

Den großen Bam im Silberkleid
haum kauft sofurt gaunz reiche Leit,
de haum eahm aufputzt wunderbar
mit goldnen Schmuck und Feenhaar,
und mit dem Schein von vielen Kerzen
sollt er betörn die Kinderherzen.

Doch aller Glaunz und alle Pracht
haum kan besondern Eindruck gmacht;
für d‘ Kinder von de reichen Leit
war des a Selbstverständlichkeit.

Aum Christtag san dann alle furt
aum Arlberg zum Winterspurt,
und d‘ Silbertannen steht verlassen,
da hat sie d´ Asteln hänga lassen. –

Der klane Bam hat gwart sehr laung,
und ihm war scho a bisserl baung;
de aundern Bam warn alle weg,
und er is gstanden hint‘ im Eck
grad wia a Stiafkind der Natur.

Der Standler sagt: »Für heut is gnua,
den z’nepften Bam wird kana kaufn,
i schmeiß eahm auf´n Reisighaufen.«

Und wia er hat des Bamerl gnumma,
is a arme Frau grad zuwikumma,
de hat zwa Kinder und kan Mau daham
und mechtert gern an Weihnachtsbam.

Da hat der Standler net laung denkt
und ihr de z’rupfte Tannen gschenkt.
Mit an »Vergeltsgott!« geht ’s davau,
hat a paar Kerzerln auffetau,
tuat Zuckerln in Papier einwickeln,
des warn de gaunzen Christbamstickeln.

Recht bescheiden war die Pracht,
doch d‘ Kinder hat sie glücklich gmacht,
sie haum die echte Freid no kennt,
weil s‘ net verzogn warn und verwehnt;
und bis Dreikönig haum s‘ daham
täglich bewundert eahnan Bam.

Da war die klane Tanne stolz,
denn jetzt war sie a »bsonders Holz«.

(c) Anton Krutisch – Wiener Mundartdichter

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